Das sechste Massenaussterben und die Vögel: Zahlen, Ursachen und was die Wissenschaft sagt
Das sechste Massenaussterben — das Holozäne Aussterben oder das Anthropozän-Aussterben — ist kein zukünftiges Ereignis. Es läuft seit Jahrtausenden und hat in den letzten 500 Jahren dramatisch an Tempo zugenommen. Für Vögel, die besser dokumentiert sind als jede andere Tierklasse, liefern die Daten das klarste Bild des Prozesses.
Was ist ein Massenaussterben?
Ein Massenaussterben ist in der Paläontologie definiert als ein Ereignis, bei dem innerhalb eines kurzen geologischen Zeitraums mehr als 75 Prozent aller Arten aussterben. Die fünf vorherigen Massenaussterben (Ordovizium, Devon, Perm, Trias, Kreide) wurden durch geologische oder astronomische Ereignisse ausgelöst. Das sechste wird durch eine biologische Spezies verursacht: Homo sapiens.
Das Hintergrundaussterben — die natürliche Rate, mit der Arten im Verlauf der Evolution aussterben ohne menschlichen Einfluss — beträgt schätzungsweise etwa 1 Art pro Million Arten pro Jahr. Aktuelle Aussterberaten liegen nach den meisten Schätzungen 100–1.000 Mal darüber.
Vogel-Aussterben seit 1500
Seit 1500 sind nach IUCN-Daten mindestens 187 Vogelarten ausgestorben — offiziell als Extinct (EX) gelistet. Die meisten dieser Verluste betrafen Insel-Endemiten: Hawaii (über 50 Arten ausgestorben), Neuseeland (Moas, Huia), Maskarenen (Dodo, Rodrigues Solitaire), Karibik und Pazifik-Inseln. Säugetier-Prädatoren (Ratten, Katzen, Hermeline), eingebracht durch europäische Seefahrer, waren in den meisten Fällen die direkte Ursache.
Das Aussterben von Kontinentalarten ist seltener, aber dokumentiert: Die Wandertaube (Ectopistes migratorius) war bis in die 1880er Jahre die häufigste Vogelart Nordamerikas (Schätzungen gehen von 3–5 Milliarden Individuen aus); die letzte bekannte Wandertaube „Martha" starb am 1. September 1914 im Cincinnati Zoo. Überjagung und Habitatverlust haben sie in weniger als 50 Jahren vernichtet.
Aktuell bedrohte Arten
Über 1.400 Vogelarten — etwa 13 Prozent aller bekannten Vogelarten — sind aktuell als bedroht eingestuft (Vulnerable, Endangered oder Critically Endangered). Weitere 1.000 sind Near Threatened. Das sind über 20 Prozent aller Vogelarten mit negativen Bestandstrends.
Critically Endangered: 222 Arten (aktuelle IUCN-Daten). Viele davon haben Weltpopulationen unter 1.000 Individuen. Der Spixara (Cyanopsitta spixii) war Extinct in the Wild; ein Wiederansiedlungsprojekt in Brasilien hat seit 2022 erste Ergebnisse gezeigt. Der Löffelstrandläufer (Calidris pygmaea) hat eine Weltpopulation von unter 600 Individuen.
Treiber des Aussterbens
Habitatverlust: Der wichtigste Einzelfaktor. Entwaldung, Konversion von Feuchtgebieten, Urbanisierung und intensive Landwirtschaft haben in den letzten 200 Jahren den Lebensraum für eine Vielzahl von Arten vernichtet oder fragmentiert.
Invasive Arten: Ratten, Katzen und Hermeline sind für Inselarten der größte Mortalitätsfaktor. Gelegentlich auch invasive Pflanzen, die Habitate verändern.
Direkte Verfolgung: Jagd, Wilderei und Beifang in Fischerei-Geräten.
Klimawandel: Ein zunehmend wichtiger Faktor, der sich mit den anderen Treibern überlagert. Phänologische Entkopplung — Zugvögel kommen zu einer Zeit an, wenn die Insekten-Spitze bereits vorbei ist — ist ein dokumentiertes Muster.
Was die Datenlage zeigt
Das Tempo des Aussterbens beschleunigt sich. Ein Vergleich der IUCN-Roten Listen von 2000, 2010 und 2024 zeigt, dass die Zahl der Critically Endangered-Arten nicht abnimmt, sondern wächst. Manche CR-Arten erholen sich durch Schutzmaßnahmen; andere rücken von EN in CR nach. Die Nettobilanz ist negativ.
Was Schutzmaßnahmen bewirken können
Das Bild ist nicht ausschließlich düster: Es gibt dokumentierte Erholungen. Der Wanderfalke (Falco peregrinus) wurde durch DDT fast ausgerottet; nach dem DDT-Verbot hat er sich spektakulär erholt und brütet heute in Großstädten weltweit. Der Seeadler (Haliaeetus albicilla) wurde in Westdeutschland regional ausgerottet; heute brüten über 1.000 Paare in Deutschland. Der Schwarzstorch (Ciconia nigra) hat seinen Bestand in Europa seit 1990 signifikant erhöht.
Das New Zealand Department of Conservation (DOC) hat durch intensive Insel-Prädatoren-Tilgungsprogramme mehrere neuseeländische Endemiten vor dem Aussterben bewahrt: Kākāpō, Takahē und Nordinsel-Braunkiwi haben stabile oder wachsende Populationen nach Jahrzehnten intensiver Schutzmaßnahmen.
Vogelbeobachter als Datenproduzenten
Die eBird-Datenbank hat seit 2002 über 1,5 Milliarden Artbeobachtungen gesammelt — die größte biologische Datenbank der Welt. Diese Daten werden für wissenschaftliche Studien über Populationstrends, Phänologieverschiebungen und Verbreitungsveränderungen genutzt. Eine Studie aus 2019 (Rosenberg et al., Science) verwendete Langzeit-Vogelzug-Radardaten und Vogelberingungs-Daten und zeigte, dass Nordamerika seit 1970 etwa 3 Milliarden Brutvogelindividuen verloren hat — eine Zahl, die die öffentliche Debatte über Vogelschutz erheblich beeinflusst hat.
Die Teilnahme von Vogelbeobachtern an Citizen-Science-Programmen ist keine symbolische Geste: Die Daten haben wissenschaftliche Aussagekraft und beeinflussen Naturschutzentscheidungen.